Meine Damen und Herren, sobald man heutzutage irgendwo in der Öffentlichkeit das Wort ergreift, bleibt einem fast nichts übrig, als von den dunklen Zeiten zu sprechen, in denen wir uns gerade befinden. Keine Sorge ich werde das hier und heute nicht tun, aber ich kann Ihnen sagen: manchmal, wenn ich alle diese Nachrichten nicht mehr ertragen kann, dann mache ich das Radio aus und schalte das Internet ab und laufe hinaus in die Wiesen und zum Wald hinauf, entlang an den Feldern, auf denen das Korn reift und dazwischen einzelne rote Mohnblüten und blaue Kornblumen und ich atme gleich viel freier. Und manchmal gehe ich dann ganz nah hin an eine so eine Kornblume und wenn ich die Blüte dann ganz lange und genau anschaue und dann finde ich in einer einzigen Blüte eine Schönheit, die an anderer Stelle aus der Welt gewichen zu sein scheint. Nennen Sie mich einen naiven Romantiker mit Hang zum Kitsch. Ist mir egal. In solchen Momenten finde ich Trost. Basta. Egal wie dunkel es da draußen ist.
Die Macht und Pracht von Blumen und Blüten erleben Sie in Wangen mit ihrer Gartenschau in ganz besonderem Maße und so ist es nur folgerichtig, dass Babette Caesar hier in der Badstube auch eine Ausstellung zum Thema Blumen kuratiert hat. Sie hat vier Künstlerinnen und einen Künstler eingeladen, ihre künstlerischen Blumenwelten in den Räumen der Galerie erblühen zu lassen. Beate Bitterwolf aus Wangen, Anne Carnein aus Kißlegg, Angela M. Flaig aus Rottweil, Susanna Taras aus Potsdam und Hermann Försterling aus Eppingen. Eine hervorragende Auswahl: eine perfekte Mischung aus Malerei, Skulptur und Objektkunst. 5 sehr unterschiedliche Positionen, die ein vielfältiges Blumen-Panoptikum eröffnen.
Keine Wissenschaft
Nun, meine Damen und Herren, als braver Kunstwissenschaftler müsste ich nun einen einleitenden Fachvortrag halten über die Blume in der Kunstgeschichte von der Buchmalerei des Mittelalters, die Renaissance und Arcimboldo, Barocke flämische Blumenmalerei Maria Sybilla Merian bis zu Emil Nolde und dem Naturkünstler Hermann de Vries im 20. und 21. Jahrhundert. Aber keine Sorge das mute ich Ihnen nicht zu. Googlen Sie einfach „Blumen in der Kunstgeschichte“ da steht alles.
Meine Einführungen laufen anders, nämlich so: ich stelle mich am Tag vor der Eröffnung in die Ausstellung, mach die Augen auf und schaue, was passiert. Und das, was dann passiert, versuche ich dann in Worte zu fassen und das Ergebnis müssen Sie, meine Damen und Herren und die Künstlerinnen sich dann bei der Eröffnung anhören. D.h. nix objektive Wissenschaft, sondern sehr subjektiv, sehr persönlich.
Susanna Taras ...
Beginnen wir mit dem Raum von Susanna Taras. Leider kann die Künstlerin heute nicht da sein. Sehr schade, denn es ist immer wieder eine große Freude ihr mit ihrer lebendigen und energischen Art zu begegnen. Aber die Heiterkeit und Energie spürt auch in ihrer Kunst und ganz besonders im Raum in dieser Ausstellung:
Wir betreten ein Herbarium der Sinnlichkeit. Prachtvolle Blumen und Blüten hat Susanna in großformatige Teppiche verwandelt. Hier kann man die Pracht der Blumenwelt nicht nur mit den Augen sondern geradezu ganz körperlich erleben.
Pflanzen, Blüten menschengroß in knalligen, poppigen Farben, die Blüten die Blätter in Schwüngen und Bewegungen, man glaubt man wäre in einen großen fröhlichen Blumentanz geraten.
Ich habe mich gefühlt wie glückliches Käferchen, das zwischen all diesen farbenfrohen Blüten hin und her schwirrt.
Auch wenn Sie sich nicht in Insekt verwandeln wollen, eins verspreche ich Ihnen, meine Damen und Herren: wenn Sie wissen wollen, was Flower-Power bedeutet, sollten Sie so schnell wie möglich Susanne Taras Raum aufsuchen und mit ihren Blumen mittanzen.
Hermann Försterling ...
Von ganz anderer Art ist die Stimmung im Raum von Hermann Försterling: Man kommt beschwingt aus dem Flower Groove von Susanne Taras an einen Ort delikater Stille. Man möchte fast die Luft anhalten angesichts dieser perfekt gemalten Blütenlandschaften. Der Raum ist erfüllt von ihrer Sinnlichkeit und Kostbarkeit. Man spürt die Weichheit, die Zartheit der Blütenblätter und trotz der großen Formate ist eine ungewöhnliche Intimität in diesen Bildern. Försterling lässt uns teilhaben an der Schönheit der Blüten, ohne ihnen jedoch ihr Geheimnis zu nehmen. Er breitet ihre Pracht vor unseren Augen aus in einem farbverlorenen Blütenmeer. Die Blütenblätter formen sich zu Wellen oder Strudeln, die in geheimnisvolle duftende Tiefen führen.
Es sind Gemälde von einer außergewöhnlichen sinnlichen Kraft. Werke eines Meisters der Bild- und Lichtdramaturgie: Hermann Försterling setzt seine malerischen Fähigkeiten ganz gezielt ein: Das hell beleuchtete Zentrum der Bilder arbeitet er altmeisterlich fein aus, hier setzt er den Hauptklang der Farben. Nach außen vom Zentrum des Bildes weg, ziehen sich die Farben jedoch in ein geheimnisvolles Dunkel zurück und schaffen die Tiefe, vor der das Motiv um so eindrücklicher leuchtet.
Ich bin ganz offen: Bei Bildern, die so gut gemalt sind, bin ich oft misstrauisch, da sie Gefahr laufen, sich im technischen Effekt zu verzetteln. Aber die Gemälde von Hermann Försterling ist das anders, sie schlagen mich wirklich in ihren Bann. Das mag auch an den Fotografischen Arbeiten liegen, mit denen er seine Gemälde in der Ausstellung begleitet. Hierbei handelt es sich um Bilder, die auf der Grundlage von Scans entstanden sind. Sie erscheinen auf den ersten Blick nüchterner als die Gemälde aber gerade auf diesen Bildern sieht man, mit welcher Sensibilität Försterling mit Blüten umgeht und wie es ihm gelingt ihre geradezu körperliche Sinnlichkeit zum Erscheinen zu bringen. Oberflächen wie nackte Haut.
Sie merken, Hermann Försterling hat mich mit seinen Bildern gekriegt. Es ist wunderbar sich ganz allein in diesen Raum zu stellen und Meer aus Rosenblüten auf sich wirken zu lassen
Wenn man sich tief genug fallen lässt, glaubt man fast, dass ein zarter Rosenduft in der Luft liegt.
Angela M. Flaig ...
Ich versuche gar nicht erst irgendeine Überleitung zusammen zu drechseln. Es ist eine andere Welt, die wir mit ihrer Kunst betreten. Sie arbeitet sie mit natürlichem Pflanzenmaterial genauer gesagt mit Pflanzensamen. Ihr Werk ist von einer großen Konsequenz und gleichzeitig einer Leichtigkeit geprägt. Es lebt es aus der Hingabe an die Natur, einem großen Respekt vor der Schöpfung. Es verbindet Klarheit der geometrischen Form, mit der unendlichen Vielfalt von Bewegungen und Zufälligkeiten, die sich aus dem natürlichen Wuchs ihres künstlerischen Materials ergeben.
Die Samen, mit denen Sie ihre Werke schafft, sammelt sie von eigener Hand in den Wäldern und auf den Wiesen ihrer Heimat und formt sie dann mit großer Sorgfalt und Ruhe zu Bildern, Objekten und Skulpturen von großer Kostbarkeit und meditativer Kraft formt. Ihre Löwenzahnbilder haben ja fast schon Kultstatus.
Aber für mich ist immer auch eine Leichtigkeit, ein Humor in ihrem Werk. Ich spüre ihn besonders die kleinen Arbeiten von Angela Flaig, in denen sie sortenreine Samenstände zum Beispiel von der Kiefer oder der Zeder in kleinen Quadraten aufreiht. Diese Bilder haben geradezu Op-Art Qualitäten, man kann sie wie Zickzack- oder Ziehharmonika-Bilder betrachten, d.h. sie verändern sich wenn man an ihnen vorbeigeht. Aber sie sehen auch aus wie Kästen einer Insektensammlung oder wie ein disziplinierter Schwarm kleiner Fischchen oder sonderlicher Falter, die in Reih und Glied aufmarschieren.
Aber gestern in der Ausstellung passierte noch etwas anderes. Je länger ich mich mit diesen Samensammlungen beschäftigte, umso mehr wurde mir etwas klar, das ganz banal aber auch unfassbar ist. Ich bemerkte in diesen Samenbildern, dass kein Stückchen Natur sich wiederholt. Dass jedes noch so kleines Blatt oder Samenkorn anders ist als alle, die jemals existiert haben und existieren werden.
Und so wurden die Schmetterlingsbilder für mich unversehens Sinnbilder, für die Endlichkeit und gleichzeitig den unfassbaren Reichtum unserer Welt, von dem auch ich auch wir selbst ein Teil sind, ein kleiner vergänglicher, unvergleichlicher Teil.
Beate Bitterwolf
Schon wieder ein Break:
Frage: Worin liegt eigentlich die unwiderstehliche Anziehungskraft von Blumen. In ihrer Schönheit: klar, genauer gesagt in der unendlichen Vielfalt ihrer Formen und Farben.
Genau diese Vielfalt wird in der Malerei von Beate Bitterwolf entfesselt .
Man betritt man ihren Raum und wird Zeuge eines Festivals der Farben und Formen. Man spürt, dass man es mit Blumenbildern zu tun hat (man ist ja nun mal in einer Ausstellung über Blumen) aber nirgends sind Blüten und Blätter wirklich ausformuliert, wie z.B. bei Hermann Försterling. Es sind keine einfachen Blumenbilder sondern vielstimmige Kompositionen aus Blüten-Ahnungen und Blumenblumenklängen. Es ist, als ob die Künstlerin auf der Leinwand ein freies Spiel zwischen Abstraktionen und Gegenständlichkeit eröffnet, in dem sich die Formen Farben in ihre eigene Blumenwelt suchen.
Mir hat es große Freude bereitet, diese Bilder in unterschiedlichem Distanz zu erleben. Sich zuerst mit einem Abstand an den Blüten zu erfreuen und dann näher an die Bilder ranzugehen und zu erleben, wie sich die Blüten in ein buntes vielschichtiges Spiel von Farbphänomenen und graphischer Spuren verwandeln.
Diese malerische Vielfalt erreicht Beate Bitterwolf nicht nur durch virtuose Farbkompositionen sondern auch dadurch, dass sie ihre Farben und Pigmente mit Sand und Steinpulver vermengt. Dadurch erzeugt sie Oberflächenunterschiede zwischen hochglänzend und matt und bringt teilweise fast reliefhafte Strukturen hervor, wodurch sich über die Farbwirkungen hinaus ein reiches Spiel aus Schattierungen und Glanzlichter ergeben.
Exkursion: Beleuchtung
Solche spannenden Feinheiten kann man in dieser Ausstellung vor allem aufgrund der hervorragenden Beleuchtung erleben. Ich mochte die Ausstellungen in Wangen ja schon immer aber durch das neue Beleuchtungssystem wurde die Ausstellungsqualität hier in der Badstube unglaublich gesteigert.
Anne Carein ...
Meine Damen und Herren, ich habe eine Schwäche für alte Museen, insbesondere für Kunst- und Raritätenkammern, in denen man historische Präparate, Modelle und Herbarien, also Pflanzensammlungen begutachten kann. Ich bin jedes Mal berührt von der Sorgfalt, mit der hier die Pflänzlein aufbewahrt werden und ganz besonders mag ich, dass die Dinge nicht nur in ihrer wissenschaftlichen Relevanz mit ihren langen lateinischen Namen auf handgeschriebenen Zettelchen sondern vor allem in ihrer schönen Rätselhaftigkeit präsentiert werden. Auch liebe ich die wunderbaren alten Pflanzenbücher mit ihren kostbaren Illustrationen, die Sie sicherlich kennen, allen voran die wundervollen die Blumenbilder von Maria Sybilla Merian.
Mehr als in vielen modernen Filmdokumentationen komme ich hier in ein stummes Staunen über das, was man das „Wunder der Schöpfung“ nennt.
Und so durchzuckte mich ein kleines Glücksgefühl, als ich in den Raum mit den wundervollen Pflanzen-Skulpturen von Anne Carnein gekommen bin. Dann genau hier kam ich in genau dieses Staunen. Wunderbare Pflanzenmodelle sieht man dort an den Wänden und auf Podesten, Blüten und Stängel die sich in changchierendem Grün ins Licht recken und auf einem Gewirr feiner Wurzeln schweben.
Auf den ersten Blick habe ich geglaubt, es mit natürlichen Pflanzenmodellen zu tun zu haben, so natürlich wachsen die Stängel und Blüten empor, so fein und bizarr verzweigt sich das Wurzelwerk. Erst als ich mich genähert habe, sah ich, dass es sich hier um Wunderwerke aus feinen Stoffen und Fäden handelt, die kunstvoll um Drahtkonstruktionen herum geschaffen wurde. Fiktionen, Phantasien über das Wunder der Natur, eine kostbare Parallelwelt.
Dadurch dass die Pflanzenkreationen nicht in der dunklen Erde vergraben sind sondern die Wurzeln sich in der freien Luft kringeln, verwandelten sich die Objekte für mich in eine ganz eigene Spezies von Kreaturen, surreale Mischwesen aus Pflanze und Tier.
Und so geriet ich im Raum von Anne Carnein in einen sonderbaren Zwischenzustand des Staunens, einerseits über die handwerkliche Kostbarkeit der Objekte und andererseits über die unergründliche Schönheit des Natürlichen, aus der diese Werke erwachsen.
Auf jeden Fall kann ich sagen, dass diese Objekte meine Phantasie ungeheuer anregten.
Denn: Wissen Sie was, meine Damen und Herren, am Abend wenn hier in der Badstube alle Lichter ausgehen und die Aufsicht den letzten Schlüssel im Schloss herumgedreht hat, dann beginnen diese Kreaturen sich ganz leicht zu bewegen, die die Stängel und Blüten schwanken und die Würzelchen winden und wiegen sich im Raum, in dem ganz leise eine kleine Melodie erklingt, die sie noch nie gehört haben.
Meine Damen und Herren, Sie merken, ich fang schon an zu spinnen. Mit anderen Worten, diese Ausstellung hat mir sehr gut getan.
Denn sie hat mir nicht wunderbare Kunstwerke zum Thema Blumen und Blühen gezeigt, sondern mich (zu meiner eigenen Überraschung) zum Staunen über das „Wunder der Natur und das „Wunder der Schöpfung“ gebracht und mich daran erinnert, dass es sich lohnt, viel häufiger genau hin zu sehen, wenn man über eine Löwenzahnwiese oder ein Rapsfeld läuft oder am Wegesrand eine Kornblume steht.
Und bin ich den Künstlerinnen und dem Künstler der Ausstellung dankbar, dass sie mir aufs Neue mit ihrer Kunst nicht nur die Augen sondern auch die Herzen geöffnet haben, für die Schönheit unserer Welt. Egal wie dunkel da draußen alles scheint.